„Nothing's
like it seems" - Blicke durch die Oberfläche1
Christoph Kivelitz
Eva Maria Joeressen und Klaus Kessner versetzen Räume durch Licht und Klang in ein nicht lineares, schwingendes Kontinuum. Bei ihren multimedialen Gemeinschaftsprojekten arbeiten sie im Wesentlichen mit den zeitbezogenen Medien: Licht - Klang - Bewegung. Bei der Entwicklung einer Aufgabenstellung „in situ" geht das Künstlerduo von den historischen und gegenwärtigen Dimensionen des jeweiligen Ortes aus. Die vorgefundene Situation wird in ihrer symbolischen Struktur analysiert, dekonstruiert und schließlich als komplexes Gebilde neu definiert. Es geht darum, ein mehrdimensionales Koordinatensystem zeit-räumlicher Bezüge zu gestalten und in einem dynamischen Prozess anschaulich werden zu lassen. Dieses Konzept setzt eine umfangreiche, zwar tiefgehende, doch dabei eher intuitiv vorangetriebene Recherche voraus. Das soziale, kulturelle, symbolische und geschichtliche Umfeld wird erkundet und dokumentiert. Es erfolgen Bild- und Tonaufnahmen, Archivalien werden gesichtet, Gespräche geführt, um so dem Ort ein vielschichtiges Profil zu geben, sich ihm von mehreren Seiten vorsichtig und differenziert anzunähern. Joeressen und Kessner fühlen sich vor allem durch solche Momente angezogen, in denen Brüche und Widersprüche, zeitliche Verschiebungen sichtbar werden, an denen gegenwärtige Nutzungen und alltägliche Wahrnehmungen mit der historischen oder symbolischen Bedeutung kollidieren, oder die wie ein Kondensator, eine Batterie, die besondere Qualität des Ortes in sich verdichten.
[...] Durch Programmierung gestalten Joeressen und Kessner in ihren zeitbezogenen Medienarbeiten ein Koordinatensystem, in dessen Rahmen das eingespeiste Material aufgegriffen und verwandelt werden kann. In Echtzeit generiert sich im Speicher des Computers ein autonomes Realitätskonstrukt, das in seiner Erscheinungsweise durch zuvor festgelegte Gesetzmäßigkeiten zwar bedingt, in seiner jeweiligen Besonderheit aber nicht vorhersehbar oder steuerbar ist. Es leitet sich ab aus interagierenden digitalen Prozessen. Realität versteht sich hier als ein Ereignis, das sich aus sich selbst hervorbringt und verändert. Dieser Prozess wird mit dem Starten des Computers initiiert, bleibt dem Betrachter zunächst unsichtbar, ist aber mit einem grafischen Programm verknüpft und durch die Beamerprojektion bzw. durch Verstärker in Farb-Form- und Klang-Analogien überführt. Der Betrachter kann sich zwar in diesen Prozess anschaulich hineinversetzen, in die Wirklichkeit dieses Vorgangs aber nicht gestaltend eingreifen, denn dieser vollzieht sich auf einer völlig anderen, ihm nur in den bewegten Buchstaben- und Klangfolgen sicht- und hörbar werdenden Ebene. Allgemeine Vorstellungen von Realität im Sinne von Abbildhaftigkeit werden nicht angestrebt, allein durch die einfühlende und identifizierende Betrachtung subjektiv hervorgebracht. Joeressen und Kessner haben die Eckpunkte gezeichnet und den Impuls gesetzt, doch das Kunstwerk setzt sich in immer neuen Formen als gleichsam „lebendiger Organismus" ins Unendliche fort, ohne dass sie selbst bei diesem weiteren Entstehungs- und Deutungsprozess noch anwesend sein müssten. Im Grunde genommen wird durch das Kontinuum von Bild und Klang die Aufhebung einer begrenzten Zeitdimension und Sinnstiftung anschaulich. Das in situ, für und an diesem Ort konzipierte Kunstwerk lässt die besonderen Qualitäten und symbolischen Bezugsebenen dieser Topographie sichtbar werden, um den Betrachter über die damit verbundenen Grenzen und Festlegungen hinauszubefördern. Zeit- und Raumbegriff werden erfahrbar und gleichzeitig auf eine Ebene der Transzendenz entrückt.
Grundlegend bleibt dabei allen Arbeiten das
dialogische Prinzip [...], d.h. die dialogische Verschränkung verschiedener
raum-zeitlicher Bezugsebenen, anhand derer die symbolischen Strukturen zwischen
Geschichte und Gegenwart, Offenheit und Abgrenzung, Nähe und Ferne anschaulich
erfahrbar werden. Es entsteht durch die Projektion eine Art von Torsituation,
durch die andere Wirklichkeits- und Erfahrungsebenen in die Gegenwart eindringen.
Grundlegend ist die Ambivalenz von begrifflicher und a-logischer Struktur, von
Unmittelbarkeit und erhabener Distanz. Es kollidieren komplementäre
Sichtweisen, in denen zeit-räumliche Bezüge zwar verschieden und voneinander
abgehoben, doch antagonistisch ineinander verwoben sind. Licht und Klang
umreißen einen begehbaren, gleichsam szenischen Raum, der in sich
abgeschlossen, doch aber auf das jeweilige Umfeld der Topographie offen bleibt.
Die in dieses Kontinuum eingebrachten Versatzstücke vergegenwärtigen
Zeichenstrukturen, Bild- und Sinnfragmente, die perspektivisch eine
multidimensionalen Wirklichkeit aufscheinen lassen. Niemals ist der übergreifende
Kontext als semantische Einheit zu entziffern. Dem Betrachter ist es anheim
gestellt, immer neue Positionen zwischen Nähe und Ferne einzunehmen, die Form
zu umkreisen und dabei auch das jeweilige Umfeld immer neu zu erfahren. Wie die
Installation „dialogus miraculorum" , so entziehen sich die medialen Arbeiten
von Joeressen und Kessner grundsätzlich und konsequent der verbalen
Verfügbarkeit. In dem Moment, in dem man glaubt, einen Teil dieses Werkes
sprachlich bestimmt und gedanklich durchdrungen zu haben, zeigt es sich
sogleich - in einem permanente Schwebezustand zwischen „actual" und „factual
fact"2 - von einer anderen, gegensätzlichen Seite. So lässt sich das Verhältnis
zwischen Künstler, Gegenstand und beschreibendem Beobachter gleichsam als
„Unschärfebeziehung" erfassen. Die Struktur der Worte, Bilder und Klänge führt
in eine Paradoxie und vergegenwärtigt dem Betrachter die Bedingtheit seiner
sinnlichen Wahrnehmungen und logischen Verknüpfungen. Mit Hilfe des einen
Begriffssystems erscheint das Werk in einer Art und Weise, die im Rekurs auf
ein anderes Begriffssystem eine völlige Umkehr erfährt. In dieser Paradoxie, in
den sich gegenseitig ausschließenden Unbestimmtheiten liegen Lücken und
Zwischenräume, die durch Worte und Gedanken nicht erschlossen werden können.
Die Werke von Joeressen und Kessner bleiben grundsätzlich hermetisch, bieten
keine Auflösung an, wie ein Rätsel oder ein Emblematum, das man nur zu
entziffern hätte, um es zu verstehen. Der Betrachter muss sich vor Augen
halten, dass in einer unendlichen Zahl von Deutungsmöglichkeiten immer mehrere
verschiedene Antworten gleichzeitig zu betrachten sind, ohne dass er eindeutig
und ohne Willkür entscheiden könnte, welche davon eine wie auch immer geartete
Wahrheit entbirgt. Das Werk vermittelt sich als eine transzendentale und offene
Struktur von Möglichkeiten, eine permanent neu zu entfaltende Vorgabe an die
Rezeption. Damit ist dem Betrachter eine große Verantwortung, ein aktiver Part
im schöpferischen Prozess gegeben. Er ist aktiv eingebunden in die Genese
dessen, was er sieht und erlebt. Mark Rothko hat diese Leistung, die dem Betrachter
in diesem interaktiven Wechselwirkungsprozess abverlangt ist, bereits im
Hinblick auf sein eigenes Selbstverständnis als Maler in Worte gefasst: „Ein
Bild lebt durch das Miteinander, sich ausweitend und belebend in den Augen des
feinfühligen Betrachters. Es stirbt auch daran. Es ist daher riskant, ein Bild
in die Welt zu senden."3
Dieses Risiko nehmen Eva-Maria Joeressen und Klaus Kessner mit jedem ihrer in
situ realisierten Echtzeit-Projekte auf, um damit eine der Gegenwart
angemessene künstlerische Ausdrucks- und Rezeptionsweise zu formulieren.
(1) vgl. Rodley, Chris (Hrsg.): Lynch über Lynch. Frankfurt a. Main, 1998. S. 8.
(2) Zu dieser Begrifflichkeit von Josef Albers vgl.: http://www.ruhr-uni-bochum.de/kgi/projekte/opart/op_albers.htm
(3) S. hierzu: Mark Rothko,in: Tiger´s Eye,No.2,1947,p.44.
Der vollständige Text erschien im Kontext der Ausstellung:
dialogus miraculorum, 2008/2009
Transmedia-Echtzeitinstallation
für den Hof des Klosters Wedinghausen, Arnsberg
11. Januar - 18. Februar 2009